ERP UND DIGITALISIERUNG: EINE BILLION DOLLAR FÜR DIE CLOUD

Die Analysten der Gartner Group sehen einen breiten Schwenk der Weltwirtschaft in Richtung Cloud Computing voraus: bis zum Jahr 2020 sollen Investitionen von sage und schreibe einer Billion Dollar in Software und Services aus der Wolke gesteckt worden sein. Das ist kaum verwunderlich, denn übereinstimmend sehen Analysten einen finanziellen Vorteil, den Cloud-basierte ERP-Systeme gegenüber klassischen On-Premises-Lösungen aufweisen. Nach Einschätzung von Nucleus Research beispielsweise liegt der Return on Investment bei Cloud-Anwendungen doppelt so hoch wie bei traditionellen Systemen. Und die Aberdeen Group ergänzt, dass vor allem kleinere Unternehmen von Cloud-ERP profitieren: Ihr Investment in Datensicherungs- und Recovery-Funktionen ist bei herkömmlichen Installationen relativ gesehen höher als bei globalen Konzernen – wenn diese Funktionen nicht ohnehin vernachlässigt werden. Auch Unternehmen mit stark schwankenden Bedarfen an Kapazität und Transaktionen in ERP-Systemen profitieren von der Skalierbarkeit der Cloud-Systeme, während in On-Premises-Installationen meist Überkapazitäten vorgehalten werden müssen, um die Spitzen abfangen zu können.
Doch während sich IT-Berater und Marktbeobachter einig sind über die strukturellen Vorteile einer Cloud-basierten Lösung, sind es doch eher hybride Infrastrukturen aus Cloud-Services und lokalen Server-Installationen, die für viele Anwender den entscheidenden Unterschied bereithalten. Denn während niemand ein gute funktionierendes ERP-System, das sich als Träger der aktuellen Ressourcen und Geschäftsprozesse im Unternehmen bewährt, ohne Not austauschen sollte, sind es vor allem zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten, die aus der Wolke bereitgestellt und ergänzt werden können. Allen voran sind es Big Data Analytics und Anwendungen der künstlichen Intelligenz wie zum Beispiel Spracherkennung oder regelbasierte Systeme, die ein völlig neues Nutzenpotential mit sich bringen. So werden ERP-Systeme auch ohne weitreichende Veränderungen in ihrem Kern zu Trägern der digitalen Transformation.
Bislang waren die Auswertung von großen Datenmengen und der Einsatz von künstlicher Intelligenz lediglich den globalen Konzernen vorbehaltene, die bereit und in der Lage sind, Multimillionen schwere Investitionen in Individualprojekte zu stecken. Heute aber sind KI-funktionen nur noch ein paar APIs entfernt. Praktisch alle großen ERP-Anbieter bieten inzwischen KI-Services an, die sich ohne großen Aufwand in bestehende ERP-Anwendungen integrieren lassen. Ein Beispiel dafür ist Spracherkennung – wie sie praktisch jedem Smartphone-Besitzer durch Cortana (Microsoft), Siri (Apple) oder bei Amazon und Google vertraut ist. Schon heute ist Sprachsteuerung ein Mittel der Wahl in der Logistik, wo mit Hilfe von Pick-by-Voice-Systemen die Kommissionierung im Lager revolutioniert wird.
Aber längst lassen sich auch komplexe Eingaben – zum Beispiel im Vertrieb – durch Spracheingabe steuern. So können Bestellfunktionen, bei denen wiederkehrende Positionen aufgerufen und erfasst werden, durch Spracheingabe beschleunigt werden. Im Controlling lassen sich komplexe Abfragen durch Sprachbefehle vereinfachen. Gerade dort, wo Unternehmen über Kennzahlen gesteuert werden, bietet Sprachsteuerung erhebliche Bedienvorteile. Microsoft beispielsweise bietet in seinen Office-Funktionen die Möglichkeit, Präsentationen online durch Cloud-Services zu übersetzen. Auch das gesprochene Wort kann so in Echtzeit übersetzt werden, so dass Sprachbarrieren in Telefonkonferenzen der Vergangenheit angehören könnten.
Aber Spracherkennung ist nur ein Spezialgebiet der künstlichen Intelligenz. Die ganze Anwendungsbreite zeigt sich, wenn regelbasierte Systeme aus der Cloud Routinetätigkeiten übernehmen. So können 70 bis 90 Prozent der Buchungsaufgaben in der Finanzabteilung eines Unternehmens durch regelbasierte Systeme als Routineaufgaben erledigt werden. Regelmäßige Zahlungen – zum Beispiel Lohn und Gehalt oder Verpflichtungen aus Rahmenverträgen – lassen sich weitgehend automatisieren. Gibt es Abweichungen von der Norm, alarmiert das System den Buchhalter, der dann nach Sachlage entscheiden kann.
Gerade weil ERP-Systeme die Träger der Geschäftsprozesse und Ressourcen sind, wird die Integration der bestehenden Systeme mit Cloud-basierten Lösungen immer wichtiger. Das gilt auch für Projekte im Internet der Dinge. Je mehr Daten aus dem tatsächlichen Fertigungsgeschehen erfasst werden, desto wichtiger wird es, dieses Datenvolumen mit Hilfe von Big Data Analytics auch auszuwerten. Dazu sind ERP-Systeme in der Regel nicht geeignet. Mit Cloud-Services können die Maschinendaten jedoch gesammelt, gebündelt und ausgewertet werden, so dass dem Produktionsplaner eine Informationsbasis zur Verfügung gestellt wird, auf der er die nächste Produktionsplanung optimieren kann. Dazu gehört auch, dass Maschinen immer besser in der Lage sind, ihren eigenen Zustand zu analysieren und beispielsweise Abweichungen in der Präzision melden. Vorausschauende beziehungsweise vorbeugende Wartung ist deshalb eines der wichtigsten Anwendungen der künstlichen Intelligenz im Fertigungsumfeld.
Und schließlich lassen sich auch beim Kundenbeziehungsmanagement (CRM) neue Impulse durch Big Data und künstliche Intelligenz erreichen. Predictive Analytics – also die Vorausschau des Käuferverhaltens – kann man bei nahezu jedem Amazon-Kauf erleben, wenn Kunden erfahren, was andere Kunden gekauft haben oder welche Alternativen zur bestehenden Auswahl existieren. Amazon geht inzwischen so weit, Waren bereits auszuliefern, ehe die Bestellung tatsächlich erfolgt ist, weil die Wahrscheinlichkeit einfach groß genug ist, dass irgendjemand in einem definierten Großraum diese Ware in den nächsten Stunden bestellen wird.
Auch wenn sich diese Anwendung des Predictive Analytics kaum für die breite Masse mittelständischer Zulieferer eignet – die Möglichkeiten, im Rahmen fester Kundenbeziehungen Lieferungen vorauszuahnen, sind überall gegeben. Gleichzeitig investieren immer mehr Unternehmen in eine tiefgreifende Auswertung des Kundenfeedbacks, um Produkte funktional den Bedürfnissen anzugleichen. Dabei greifen Big Data Analysen zum Beispiel auf Produktrezensionen in den sozialen Netzwerken zurück. Wieder ist es Amazon, das hier vorangeht: für die Entwicklung des Echo-Lautsprechers wurden zahllose Kundenrezensionen auf der Amazon-Plattform ausgewertet.
Die Beispiele zeigen, dass ERP-Systeme im Zuge der Digitalisierung immer neue Funktionen übernehmen werden. Dabei kommen das neu Nutzenpotential in der Regel aus der Cloud. Als Services, die in einer hybriden Infrastruktur mit den klassischen ERP-Funktionen verknüpft werden. Und das ist wahrhaftig ein eine Billion-Dollar-Markt.